Rückblick | Denkraum 2025: «Auf dem Holzweg?-Baustoffe im Fokus»

Am vergangenen Donnerstag fand die zweite Ausgabe unserer Veranstaltungsreihe «Denkraum» statt. Gemeinsam mit Expert:innen diskutierten wir über die Potenziale sowie Grenzen der Ressource Holz.

HOLZ: RESSOURCE MIT GRENZEN
Andreas Burgherr von Timbatec Holzbauingenieure eröffnete den Abend mit ernüchternden Zahlen: Der Schweizer Wald – die «grösste Fabrik der Schweiz» – produziert jährlich rund 10 Millionen Kubikmeter Holzmasse. Davon werden etwa 7 Millionen genutzt, doch 6,2 Millionen davon landen in Öfen. Für den Bau bleiben lediglich 0,8 Millionen Kubikmeter. Seine klare Botschaft: «Wir können die Bauwirtschaft nicht mit Holz allein retten.». Dennoch gilt: Das bisher ungenutzte Potential des inländischen Holzes muss künftig besser und vor allem vermehrt stofflich genutzt werden.

DER GROSSE HEBEL
Wolfram Kübler von WaltGalmarini machte deutlich, dass die entscheidenden Hebel beim Zement liegen. Die Zementindustrie verursacht 50 Prozent der Schweizer Industrieemissionen. Anhand eines Projekts demonstrierte er, wie eine optimierte Betonrezeptur 47 Prozent Emissionen einsparen konnte, bei Mehrkosten von lediglich drei Franken pro Quadratmeter. Darüber hinaus betonte Kübler die Bedeutung intelligenter Konstruktionen. Lüftungen aus der Betondecke zu verlagern, Decken dünner auszubilden und Spannweiten zu reduzieren, reduziert die Emissionen erheblich. Welche Massnahmen haben den grössten Impact bei den geringsten Mehrkosten? Am wirksamsten seien Beton nach Eigenschaften gemäss nationalem Anhang ND und gezielte Stahleinsparungen, gefolgt von hybriden Konstruktionen mit möglichst wenig Stahl.

MATERIALWAHL IN DER PRAXIS
Maya Markovic von pool Architekten illustrierte an drei Projekten, wie die Materialwahl stets aus den Anforderungen heraus entwickelt wird – ob funktional, ästhetisch oder identitätsstiftend. Sie präsentierte den Holzbau der Berner Fachhochschule, die hybride Konstruktion der BLS-Werkstätten und das optimierte Betonhochhaus an der Freihofstrasse. Entscheidend sei für sie die strukturelle Flexibilität, damit Gebäude auf unterschiedliche Nutzungszyklen reagieren und damit ihre Nutzungsdauer erhöhen können.

ÖKOBILANZIERUNG ALS PLANUNGSINSTRUMENT
Zum Abschluss sprach Jörg Lamster von durable und plädierte für eine frühzeitige Ökobilanzierung. Anhand von sechs Projekten – von «Mehr als Wohnen» bis zum Hochhaus Freihofstrasse – zeigte er, wie CO-Budgets bereits in frühen Planungsphasen steuernd wirken können. Seine Botschaft: «Die grössten Hebel liegen in der Entwurfsphase, nicht in der Materialoptimierung.»

DISKUSSION: DIE HERAUSFORDERUNGEN SIND VIELSCHICHTIG
In der anschliessenden Diskussion wurde deutlich, dass nachhaltiges Bauen weit über Materialfragen hinausgeht. So wurde die mangelnde Kostenwahrheit angesprochen: Während der Holzbau die CO-Abgaben voll bezahlt, ist die Zementindustrie davon befreit. Auch Kostenvergleiche erwiesen sich als verzerrt, wenn etwa fertige Holzdecken mit rohen Betondecken verglichen werden.

Ein weiterer Diskussionspunkt war die Mobilität. Tiefgaragen mit 120 Plätzen in städtischen Lagen wurden als «absurd» bezeichnet, während rückbaubare Parktürme als zeitgemässe Alternative genannt wurden. Kontrovers verlief die Debatte um die CO-Speicherung im Holz: Während einige eine Anrechnung ab 50 Jahren befürworteten, sahen andere darin eine problematische Schönrechnerei.

Auch die Gebäudeperformance im Klimawandel wurde diskutiert. Die zukünftigen Temperaturen im Schweizer Mittelland, die mit jenen im heutigen Mailand vergleichbar sein könnten, stellen neue Anforderungen. Massive Bauteile bieten Vorteile bei der Tagesspeicherung, während Holzbauten volatiler auf Temperaturschwankungen reagieren. Darüber hinaus kamen Suffizienz und Flächeneffizienz zur Sprache: Mit Ideen wie «Suffizienz-Pitches», bei denen nicht nur Raumprogramme, sondern auch CO-Budgets vorgegeben werden, entstehen kreative Lösungsansätze.

FAZIT: HOLZ IST EIN WEG, NICHT DER WEG
Im Baustoff Holz liegt noch immer viel Potenzial, das genutzt werden sollte. Der Abend machte aber auch deutlich: Der Holzbau ist nicht per se die Lösung, sondern vielmehr ein wichtiger, weiter auszubauender Baustein in einer umfassenderen Strategie, welche auch optimierte Betonrezepturen und -konstruktionen, durchdachte Gebäudekonzepte und eine Reduktion der Neubautätigkeit miteinschliesst.

ÜBER DER DENKRAUM
Eine Veranstaltungsreihe von BGP Architekten, die sich gestalterischen Ansätzen für klimagerechtes und zukunftsfähiges Bauen widmet. Im Zentrum stehen der offene Diskurs, neue Perspektiven und konkrete Handlungsmöglichkeiten für die Praxis. Über den fachlichen Austausch hinaus unterstützen wir pro Veranstaltung ein themenbezogenes gemeinnütziges Projekt – dieses Jahr pro Teilnehmer:in CHF 15.- an Agent Green. Eine Organisation die sich für den Erhalt der letzten Urwälder Europas einsetzt.

 Mit grosszügiger Unterstützung von

Truninger Plot 24


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